Hier ein Bericht aus MotoSport Schweiz+ vom 29.11.2000
Abgefasst in reinem Hochdeutsch!
Wetzflunder
Erster Fahrtest Yamaha XP 500 Tmax Eine Beschleunigung wie ein Porsche Boxster und gut 160 km/h Spitze: Der neue Halbliter-Sportscooter von Yamaha bietet wie versprochen eine Fahrdynamik, die in vielen Punkten der eines Mittelklasse-Motorrades entspricht.
Du schwingst auf deiner Hausstrecke mit einer sportlichen Sechshunderter von Schräglage zu Schräglage, spielst auf der Klaviatur der Hebel und Pedale, forderst dein Gerät ein wenig, aber alles liegt im grünen Bereich. Da sticht ein Stück vor dir ein grosser Roller aus einer Einfahrt. Du ziehst nach links, stellst kurz die Drosselklappen auf maximalen Durchzug ... aber das Überholmanöver misslingt ... Ja Herrgott, der hat ja auch schon über Hundert! Na warte, gleich folgt das kurvigste Streckenstück. Es liegt zwar im Wald, und der Belag ist oft ein wenig feucht, aber beim Anbremsen wirst du den Scooter packen und dann: adieu, abdrücken, weg!
Aber wieder ist nix mit vollstrecken: Der bremst ja unglaublich spät auf dieser Schmiere, und die Bremsleuchte ist auch noch bis zum Scheitelpunkt an! Dann zieht er zwischen den
engsten Wechselkurven sogar ein paar Meter weg, während du immer wieder einen Gang rauf und wieder runter schaltest und dein Hintern bei all den Lastwechseln noch den Restgrip am Hinterreifen zu erfühlen versucht.Dein lädiertes Selbstbewusstsein versucht sich daran aufzurichten, dass ja gleich eine längere Gerade folgt ... dann werden wir ja sehen! Und nun klappt dein Unterkiefer endgültig aufs Brustbein: Erst bei gut 150 (wir befinden uns in Traumland!) kannst du an diesem verflixten Ding vorbeiziehen!
Verarscht dich da einer, der eine Rollerkarosserie um einen Supersportler oder ein Monobike modelliert hat? Oder ists gar ein gesetzloser Jungracer, der mit einem gnadenlos frisierten Rennscooter illegal auf der Strasse rumkurvt? Nichts von alledem: Der Yamaha XP 500 TMax marschiert völlig legal gut 160 km/h und soll laut Hersteller in nur 7,5 Sekunden aus dem Stand auf Tempo 100 beschleunigen.Nach der ersten Präsentation ohne Fahrmöglichkeit (in MSS 28/00) konnten wir den Überroller jetzt in den Apennin-Ausläufern um das mittelitalienische Städtchen Fiuggi über 270 km auf unterschiedlichsten Strassen fahren.
Und wir sind beeindruckt, obwohl wir den TMax bewusst durch die Roller-kritische Motorradfahrer-Brille beurteilt haben. Schliesslich tritt Yamaha auch mit dem Anspruch an, ein Gefährt auf die Räder gestellt zu haben, das punkto Leistungscharakteristik, Fahrwerksstabilität und Gewichtsverteilung Motorrad-ähnlicher als jeder andere Scooter konstruiert ist und sich auch so fahren soll.
Biss und Kultur
Das fängt beim Antrieb an. Der Viertakt-Paralleltwin mit zwei Vergasern, acht Ventilen, zwei obenliegenden Nockenwellen und Wasserkühlung sowie einer automatischen Lamellenkupplung im Ölbad, Keilriemen-Variomatik und zweistufigem, gekapseltem Zahnkettenantrieb zum Hinterrad spricht hervorragend auf Gasbefehle an und entwickelt ein bulliges Drehmoment von 4,7 mkg (45,8 Nm) bereits bei 5500/min. Die Maximalleistung von 40 PS liegt bei 7000/min an. Das verhilft dem TMax einerseits zum erwähnten Topspeed, aber auch zu spontanem, kernigem Antritt in jeder Fahrsituation.
Dass dies trotz Kettenendantrieb völlig ohne Lastwechselreaktionen geschieht, dafür sorgt ein ausgeklügelter Sekundärantrieb: Weil die Abtriebswelle der Variomatik als Hohlwelle ausgebildet ist, welche die im Motorgehäuse gelagerte Schwingenachse umfasst, verfügt das Ritzel über denselben Drehpunkt wie die Schwinge. Zudem ist der Endantrieb zweistufig, was kleine Ritzel und kurze Kettentrumms ermöglicht und so ebenfalls das Lastwechselverhalten optimiert.
Um die typischen Parallel-twin-Vibrationen zu eliminieren, hat Yamaha einen ganz exotischen Weg beschritten. Die Kurbelwelle ist effektiv für einen Boxer-Dreizylinder ausgelegt.
Während die arbeitenden zwei Zylinder praktisch horizontal in Fahrtrichtung nach vorne schauen, sitzt auf dem mittleren Hubzapfen ein Pleuel mit einem nach hinten gerichteten, zylindrischen Gegengewicht, das in einem Rohr im Motorinnern oszilliert. Die Massen der bewegten Teile sind so gewählt, dass sie die der arbeitenden Seite kompensieren. Effektiv knurrt der Viertakter zwar kernig aus seinem Schalldämpfer, aber Vibrationen dringen auch unter Vollast nicht zum Fahrer durch.
Die Ruhe selbst
Womit wir beim Fahrwerk wären, denn der ruhige Motorlauf ist wichtig, weil der Motor stabilitätsfördernd fix im Stahlrohrrahmen des TMax verschraubt ist. So kann er auch erst die Schwinge aufnehmen, wobei sich das horizontal unter dem Motor liegende, gekapselte Monofederbein direkt am Gehäuse abstützt.
Die nach Motorradart in zwei Gabelbrücken gefasste 38-mm-Telegabel sorgt zusammen mit dem Rohrrahmen und der Zweiarmschwinge sowie mit dem langen Radstand (1575 mm) für eine Kurven- und Richtungsstabilität, die auf Motorradniveau und weit über derjenigen jedes anderen Rollers liegt. Erst bei Tempi oberhalb von 130 fängt das Fahrwerk zum Beispiel auf abgesetzten Trennfugen von Autobahnbrücken an, leicht zu pumpen.
Dabei bleibt die Lenkung ruhig, und das Gefühl für den Vorderreifen bleibt erhalten. Auch bei Tempo 170 bergab mit eingezogenem Kopf hinter der perfekt schützenden Windschutzscheibe wird die Front nicht leicht, Lenkerpendeln gibts nicht. Dies ist auch eine Folge der dank weit vorne eingebautem Motor ausgewogenen Gewichtsverteilung leer von 47% vorne und 53% hinten. Normalerweise lasten bei Rollern nur rund 35% des Leergewichts auf dem Vorderrad.
Daumenbremsen her!
Ein besonderer Trumpf beim Kurvenfahren auf glattem Belag ist die mit der linken Hand betätigte hintere Scheibenbremse. Erstens kann man sie butterweich dosieren und so die gut verzögernde Einzelscheibe vorne optimal ergänzen, zweitens kommt das Heck beim Bremsen nicht hoch, sondern es senkt sich mit der parallel eintauchenden Front. Zusammen mit den je 120 mm Federweg ergibt dies auch auf der Bremse eine weit ruhigere Fahrt als auf einem Motorrad. Da kommt man als eingefleischter Motorradfahrer nur noch zu einem Schluss: Subito eine Daumenbremse her fürs Hinterrad am Supersportler!
Was sofort zum nächsten Punkt führt, zu den Schräglagen. Auch hier benimmt sich der TMax vorbildlich. Die Schräglagen werden nur links und rechts vom kratzenden Hauptständerfuss begrenzt. Dabei scheint der Ständer ein wenig nachzugeben, jedenfalls hebelt es einen bei Wellen nicht schlagartig aus, das Hinterrad mit dem erstaunlich griffigen 150/70er-Reifen bleibt treu in der Spur.
Nur zwei wirkliche Kritikpunkte haben wir gefunden: für flotte Fahrt zu zweit wird das hintere Federbein an seine Grenzen kommen, weil es nicht einstellbar ist. Dies kostet dann auch entsprechend Bodenfreiheit. Punkt zwei: Da der abgestellte Motor nicht via Schaltgetriebe das Hinterrad bremsen kann, sollte der Roller mit einer Feststellbremse ? eventuell gekoppelt mit der Seitenstütze ? auf abschüssigem Gelände gesichert werden können.
Roller-Habitués werden zudem den für einen so grossen Roller mit 38 Litern eher kleinen Stauraum unter dem Sattel und die bis auf ein kleines Fächlein im Beinschild ansonsten fehlenden Ablageboxen bemängeln. Weiter ist der Verbrauch mit 5 bis 5,5 Litern bei schneller Land-strassenfahrt auf 100 Kilometer für einen Scooter hoch, aber das ist der Preis für die überragenden Fahrleistungen. Bei beschaulichem Tempo wird auch weniger Sprit durchlaufen.
Zwei Welten
Yamaha hat den Schritt ins Niemandsland zwischen die klassischen Konzepte hinein gewagt, dorthin, wo auch die Liebhaber von Motorrad und Roller ihren Senf zum Produkt geben, wo jeder das neue Produkt mit dem ihm bestens bekannten Untersatz vergleicht. Das braucht Mut und geht zwangsläufig nie ganz ohne Kritik ab. Aber das Produkt überzeugt weitgehend, es ist so fahraktiv, wie es der Hersteller verspricht und wird auch etliche Motorradfahrer abwerben. Allerdings hat sich der Preis von 14750 Franken auch gewaschen. In der Schweiz hofft der Importeur, im Jahr 2001 etwa 300 TMax absetzen zu können.
Zubehör
Ab Januar wird folgendes Zubehör lieferbar sein:
Sport-Windschutzscheibe, seitliche Windabweiser, Topcase-Träger aus Stahlrohr, Heizgriffe, Sozius-Rückenlehne. Ab April lieferbar: Topcase 48 Liter. (Für all diese Artikel sind die Preise noch nicht festgelegt.) Ab April gibts eine schwarze TMax-
Jacke (S bis XXL), Fr. 389.-. In Planung sind Handprotektoren, grössere Soziusfussrasten, 12-V-Steckdose.
Bild unten: Ein Segen bei schwierigen Strassen-verhältnissen: die perfekt dosierbare Handbremse fürs Hinterrad und die ruckfreien Lastwechsel ? beides macht auch schnell